Können Politikexperten die Zukunft vorhersagen?
Versuchen Sie doch einmal diese Übung: Surfen Sie etwa eine Viertelstunde lang im Internet und sammeln Expertenmeinungen über die politische Zukunft: Wird es eine neue Mehrheit bei der nächsten Wahl geben? Wird der Nahe Osten demokratischer werden? Zu jeder Frage werden Sie wahrscheinlich eine Vielfalt von Antworten finden. Wem sollten Sie also glauben? Laut einer Langzeitstudie des Psychologen Philip Tetlock (2005) ist die sicherste Antwort, dass Sie überhaupt niemandem glauben sollten – oder, genauer gesagt, dass man nicht wissen kann, wem man glauben sollte. Schauen wir uns die Gründe an.
Um die kollektive Weisheit der Experten zu untersuchen, rekrutierte Tetlock 284 Menschen, die eine gute Reputation für politische Prognosen hinsichtlich bestimmter Länder oder Regionen der Welt hatten. (Tetlock sicherte seinen Probanden Anonymität zu und konnte also nicht sagen, wer diese Experten genau waren.) Er bat die Betreffenden dann um Vorhersagen folgender Art: „Wie wahrscheinlich ist es, dass die Partei, die zur Zeit die meisten Abgeordneten in der Legislative hat, diese Mehrheit nach der nächsten Wahl behält, verliert oder ausbaut?“ (S. 46). Die Fragen wurden jeweils für bestimmte Länder und Regionen konkretisiert. Für einige dieser Fragen galten die Probanden jeweils offiziell als Experten, für andere mussten sie sich auf allgemeineres Wissen verlassen. So war vielleicht einer von ihnen Experte für Russland, aber nicht für Italien. Die Teilnehmer sollten jede der drei Optionen (etwa „behält die Mehrheit“, „verliert die Mehrheit“ oder „baut die Mehrheit aus“) auf einer Wahrscheinlichkeitsskala von null („unmöglich“) bis 100 Prozent („sicher“) bewerten. Tetlock überprüfte die Genauigkeit von 27.451 politischen Prognosen, indem er jeweils darauf wartete, was tatsächlich geschah.
Weil es für jede Frage drei Antwortmöglichkeiten gab, hätten die Teilnehmer eigentlich selbst durch bloßen Zufall ein Drittel richtig treffen müssen. Kannten sie sich wirklich aus, hätten sie in weit mehr Fällen richtig liegen müssen. Das taten sie aber nicht. Bei manchen Vergleichen schnitten die Experten sogar schlechter als zufällig ab. Außerdem hatten sie insgesamt in den Bereichen ihrer offiziellen Expertise nicht öfter Recht als bei den Fragen, die sie mit ihrem Allgemeinwissen beantworteten. Die Russland- und Italien-Experten lagen also gleichauf in ihren Antworten bezüglich Russland (oder Italien). Vielleicht fragen Sie sich, ob die Berühmtheit eine Rolle spielte. Waren bekannte Experten ihren unbekannteren Kollegen überlegen? Die Antwort ist ein klares Nein. Wie Tetlock es formulierte, „neigten die viel gefragten Experten eher zur Selbstüberschätzung als ihre Kollegen, die fern des Rampenlichts ihr Leben fristeten“.
Wenn die Experten in ihren Prognosen so falsch liegen, warum hört dann noch jemand auf sie? Ein wichtiger Grund ist, dass Experten im Allgemeinen nicht für ihre Vorhersagen zur Verantwortung gezogen werden: Die Medien spüren selten die Expertin auf, die selbstbewusst Smiths Sieg vorausgesagt hat, um sie zu fragen, warum Jones jetzt Präsident ist. Aber Tetlock fragte seine Experten tatsächlich, warum sie falsch prognostiziert hatten. Die angegebenen Gründe kennen Sie wahrscheinlich aus Ihrem eigenen Leben. Sie erklärten etwa, warum sie „fast richtig“ oder „aus den richtigen Gründen falsch“ getippt hatten. Sie nannten „unvorhergesehene“ Kräfte, die sich nach ihrer Prognose eingeschaltet hätten.
Eine sichere Schlussfolgerung aus Tetlocks Studie ist: Was die Politik angeht, kann niemand die Zukunft sicher prognostizieren. Manche Leute können es etwas besser als andere, aber man kann sich nicht auf ihr Selbstvertrauen oder ihre Bekanntheit verlassen, um sie zu erkennen. Andererseits muss man bedenken, dass es in dieser Studie nur um eine bestimmte Art von Experten und einen bestimmten Problemkreis geht, und dass man nicht alle Experten diskreditieren kann. Wenn man zum Beispiel den Rat eines Arztes einholt, dann sollte er seine Prognosen („So wird sich Ihre Behandlung wahrscheinlich auswirken“) auf Grund jahrelanger Ausbildung und Erfahrung erstellen. Außerdem sind Ärzte normalerweise verantwortlich für die Genauigkeit dieser Voraussagen!